„Der Geschmack von Apfelkernen“ von Katharina Hagena

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Erschienen in: Verlag Kiepenheuer & Witsch, April 2011
Ausführung: Taschenbuch, S. 333
ISBN: 978-3-462-04270-2
Preis: 10,00 € [D]
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„Und ich stellte fest, dass nicht nur das Vergessen eine Form des Erinnerns war, sondern auch das Erinnern eine Form des Vergessens.“

Der Geschmack von Apfelkernen, S.221

Erinnern und Vergessen sind die richtigen Stichworte. Eben um diese Themen geht es in Katharina Hagenas Debütroman „Der Geschmack von Apfelkernen“ von 2008.

Iris, eine junge Bibliothekarin aus Freiburg, reist zur Beerdigung ihrer Großmutter und der anschließenden Testamentsverlesung nach Bootshaven, einem kleinen Örtchen in Norddeutschland. Dort erfährt sie überraschend, dass nicht ihre Mutter oder eine ihrer beiden Tanten das Haus vor Ort vererbt bekommen sollen, sondern sie. Das Familienhaus mit dem wundersamen Garten, den vergessenen und verdrängten, den guten und weniger schönen Erinnerungen dreier Frauengenerationen ihrer Familie. Iris ist sich nicht sicher, ob sie das Erbe antreten möchte, doch nimmt sie sich vor ein paar Tage zu bleiben, um sich dessen klar zu werden.

„Der Geschmack von Apfelkernen“ ist eine Familiensaga, jedoch nicht im klassischen Sinne. Der Leser erinnert sich mit Iris, der Ich-Erzählerin des Romans, Schritt für Schritt an die Sommerferien, die sie mit ihrer Cousine Rosmarie und der gemeinsamen Freundin Mira bei ihrer Großmutter verbracht hat. Ebenfalls erfahrt man innerhalb des Romans von den Schicksalen ihrer Großmutter und deren Schwester, sowie von den prägnanten Erlebnisse ihrer Mutter und deren Schwestern. Dieses Erinnern an Vergessenes oder Verdrängtes geschieht nicht chronologisch oder gradlinig, sondern geschieht durch Iris Gespräche, Erlebnisse und Sinneswahrnehmungen, während ihres Aufenthalts auf dem vermachten Grundstück. Wie Erinnerungsfetzen fügen sich die Erinnerungen in die Gegenwartshandlung ein und werden gleichzeitig von Iris Recherchen und Reflexionen darüber hinterfragt und kommentiert. Hierzu gehören beispielsweise ihre Begegnungen mit Max, Miras jüngerem Bruder und Testamentsvollstrecker, oder Herr Lexow, dem Lehrer ihrer Großmutter, der sein Leben lang für diese mehr als schwärmte.

Die Thematik des Erinnerns und Vergessens ist zentral und trägt die gesamte Handlung des Romans. Es lassen sich passende metaphorische Motive dazu finden, wie beispielsweise das wirre, verhedderte Gestrickte der Großmutter, dass sie während ihres 13 jährigen Aufenthalts im Seniorenheim und ihrer fortschreitenden Alzheimererkrankung immer wieder von neuem beginnt. Es ist das Sinnbild ihres Zustands; zusammengehörige Gedanken, die in einem unentwirrbarem Chaos verschwinden. Jeder Charakter innerhalb des Romans hat seine Art und Weise mit Erinnerungen und dem Vergessen oder Verdrängen umzugehen. Ebenso wie das Haus und das Grundstück. So reagieren die Bäume oder Obstbüsche auf positive oder negative Schicksalsschläge indem sie blühen oder sich verfärben. Diese Beschreibungen wirken manchmal etwas verträumt und kitschig, doch tuen sie der Gesamtstimmung des Romans keinen Abbruch.

Die Atmosphäre innerhalb des Romans ist durch Hagenas detaillierte Beschreibungen des norddeutschen Örtchens und der Natur des Grundstückgartens für den Leser deutlich spürbar. Man riecht und schmeckt als Leser förmlich mit, wenn beschrieben wird, wie die junge Iris das „friss oder stirb“ Spiel mit Cousine Rosmarie und Freundin Mira spielt oder die jungen Geschwister Bertha und Anna auf dem Apfelbaum sitzen und Äpfel auf die für sie typische Weise essen.

Mein Fazit:
„Der Geschmack von Apfelkernen“ von Katharina Hagena ist ein überaus lesenswerter Roman. Die Art und Weise die Thematik des Erinnerns und Vergessens in diesem Werk zu verarbeiten ist gelungen, da sie sich in die Handlung einfügt und nicht aufgezwungen wirkt. Der Roman lässt sich zwar gut lesen, doch ist es zu Beginn nicht ganz leicht dran zubleiben, da sich die Handlung manchmal etwas zieht. Dennoch ist es für den Leser spannend mitzuerleben, welche guten und weniger guten Schicksalsschläge die verschiedenen Frauen der Familie durchleben mussten. Als Leser beginnt man eventuell sogar selbst über den eigenen Umgang mit Erinnerungen, Vergessenem und Verdrängten nachzudenken. Der Roman trifft sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Doch ist er jedem ans Herz zu legen, der eine schöne und zugleich schmerzliche, nostalgische Familiengeschichte, in der es um das Erinnern und Vergessen geht, lesen möchte.

Der Roman wurde 2013 durch Vivian Naefe mit Hannah Herzsprung als Iris in der Hauptrolle verfilmt.

© Cover und Zitatrechte liegen bei Verlag Kiepenheuer & Witsch

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