„Roman ohne U“ von Judith W. Taschler

12767874_1085921224763512_1395230942_oErschienen in : Picus Verlag August 2014
Ausführung: Hardcover, S.330
ISBN: 978-3-7117-2018-4
Preis: 22,90 € [D]
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[…]Er hatte weder geklopft noch geläutet, er war einfach eingetreten, die Haustür stand ja stets offen, wurde nur in der Nacht abgesperrt. Er schloss leise die Küchentür und näherte sich langsam dem großen Esstisch. Katharina wusste sofort, wer er war und was er von ihr verlangen würde. […]
Er erinnerte Katharina daran, dass Krieg war und die Eindringlinge mordend durch das Land zogen, ganze Familien grausam ausrottend. Vor den Augen der Eltern wurde jedes einzelne Kind gefoltert, bevor man ihm schließlich den erlösenden Tod gewährte. Zum Schluss wurden auch die Eltern getötet, indem man jedes Fenster, jede Tür von außen mit Brettern zunagelte und das Haus schließlich anzündete. Bald schon, sehr bald würden die Soldaten auch in dieses Dorf Kommen und ein Gemetzel in jeder Familie anrichten.
Allein er könnte ihr helfen zu verhindern dass ihre Kinder und sie selbst gefoltert und ermordet wurden. Er hatte gute Verbindungen zu den Soldaten und mit ihnen eine Verordnung ausgearbeitet: Jede Familie dürfe ein Kind opfern, dann würde der Rest verschont werden.
Sie müsse ihm nur den Namen eines ihrer Kinder nennen, dieses Kind würde er zu den Soldaten bringen und es würde schnell und schmerzlos sterben. Dafür aber werde keinem anderem auch nur ein Haar gekrümmt, kein Soldat werde seinen Fuß in das Haus setzen, das garantiere er mit seinem Namen. […]

(Roman ohne U, S.9-10)

Mit dieser etwas reißerischen Szene, ähnlich wie im Film „Sophies Entscheidung“ (1982) mit Meryl Streep, beginnt der „Roman ohne U“ von Judith W. Taschler. Während des weiteren Lesens, merkt man zum Glück schnell, dass es sich dabei nur um eine schreckliche Phantasie Katharina Bergmüllers, eine der Protagonistinnen dieses Romans, gehandelt hat. Doch die tatsächliche Thematik des Romans ist nicht weniger nervenaufreibend.

Katharina Bergmüller ist Biographin und Mutter von vier Kindern. Sie führt mit ihrem Mann Julius eine eher weniger glückliche Ehe. Nachdem sie erfahren hatte, dass sie ungewollt schwanger ist, zog sie mit ihm zu seinem Vater aufs Land. Sie mögen sich, doch so richtig klappen möchte es zwischen den beiden nicht. Trotzdem folgen Hochzeit und drei weitere Kinder. Irgendwann verlegt Julius, der seine Frau auch zuvor des öfteren betrogen hat, seinen Arbeitsplatz nach Tirol, wo er eine leidenschaftliche Affäre mit der Innenarchitektin Stephanie beginnt, die ein paar Wochen zuvor Katharina beauftragt hatte, die Biographie eines Mannes namens Thomas zu schreiben.

Thomas hat nach seiner Rückkehr aus russischer Gefangenschaft, in die er nach dem zweiten Weltkrieg geraten war, seine Erlebnisse und Eindrücke mithilfe einer alten Schreibmaschine aufs Papier gebracht. Unter anderem erfährt der Leser in diesem zweiten Handlungsstrang, von seiner überaus tragischen Liebesgeschichte mit der Pianistin Ludovica, die er auf der Zugfahrt in ein sibirisches Arbeitslager kennengelernt hatte. Eben dieses Manuskript, das Katharina von Stephanie erhält, trägt den Titel „Roman ohne U“, da die U-Taste der Schreibmaschine, während des Schreibens langsam den Geist aufgegeben hatte.

Judith W. Taschlers Roman besitzt eine raffinierte Plotkonstruktion. Der Roman ist in einzelne Kapitel unterteilt, die von Thomas, Katharina, Artur und Julius handeln. Die Kapitel über Katharina, Artur und Julius werden aus auktorialen Erzählperspektive beschrieben und haben in ihrer Kapitelüberschrift den Monat und das Jahr sowie einen Titel der darin beschriebenen Geschehnisse. Es kommt sogar vor, dass der auktoriale Erzähler den Leser direkt anspricht.

„In diesem Buch geht es um eine Familie. Die Familie ist so gewöhnlich wie ihr Name: Bergmüller. Gibt es einen gewöhnlicheren Namen? Außer Maier und Müller vermutlich nicht.
Da Familie Bergmüller aus vielen Personen besteht, ist es unerlässlich, alle vorzustellen. Vorneweg: Es ist eine tatsächlich ganz gewöhnliche Familie. Das werden Sie, lieber Leser, liebe Leserin, in der Geschichte bald merken, ob an der Tatsache, dass der älteste Sohn auf Facebook tausendvierundfünfzig Freunde hat, im wirklichen Leben aber nur einen, oder an der Tatsache dass die mittlere Tochter von einem Tag auf den anderen aufhört, Fleisch zu essen. […]

(Roman ohne U, S.21)

Die Kapitel über Thomas tragen den Titel „Thomas‘ Geschichte“ und werden aus seiner Perspektive erzählt, was beim Leser den Eindruck erweckt, das Manuskript mit Katharina zusammen zu lesen. Beim Lesen dieser Passagen ist zu merken, dass die Autorin diesem historischen Teil viel Zeit und Aufmerksamkeit während des Schreibprozesses gewidmet hat. Die Episoden der verschiedenen Charaktere wechseln sich ohne einer genauer Chronologie zu folgen ab, sodass man als Leser mit den Charakteren zwei Schritte vor und einen zurück geht. Manchmal wiederholen sich Erzählelemente, doch gewinnt man durch die Perspektivwechsel neue Erkenntnisse, was sehr zur Spannung beiträgt. So fragt man sich bis zum Ende ob Katharina, die nichts von der Affäre zwischen Julius und Stephanie ahnt, herausfindet, dass die beiden eben wegen dieser Tatsache im Auto saßen und tödlich bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, und nicht wegen des Auftrags. Und wie fügt sich eigentlich Thomas Geschichte in dieses Dreiecksbeziehungsdrama ein?

Mein Fazit:
„Roman ohne U“ von Judith W. Taschler ist einer der besten Romane die ich in letzter Zeit gelesen habe. In ihm gelingt es der Autorin zwei Handlungsstränge ungekünstelt so zu knüpfen, dass sie sich überraschend kreuzen und ein Netz ergeben. Als Leser stellt man sich während des Lesens zwischendurch immer wieder die Frage, was die beiden Handlungsstränge miteinander zu tun haben und ist umso überraschter und zufriedener als am Ende des Romans sich (fast) alles aufklärt. Durch die oftmals sehr anschaulich beschriebenen Passagen während Thomas Gefangenschaft, besitzt der Roman sehr ernsthafte Passagen, die der inhaltlichen und gesamten Qualität des Romans keinen Abbruch tun, sondern im Gegenteil. Insgesamt ist der Roman ernst und unterhaltsam zugleich, manchmal sogar leicht ironisch, was sich am komisch versöhnlichen Happy-End zeigt. Er ist jedem zu empfehlen, der gerne Romane mit etwas komplizierten Handlungs- und Zeitsträngen ließt und gerne bis zum Schluss mitfiebert.

© Cover und Zitatrechte liegen bei Picus Verlag

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